Elsbeth „Else“ Runge, geb. Hoffmann
11. Juli 1903 in Posen (heute Poznan, Polen) – 10. August 1972 in Ost-Berlin
Sachbearbeiterin, Arbeitersportlerin, Kommunistin
Über die Kindheit und Jugend von Else (eigentlich Elsbeth) Runge ist wenig bekannt. Sie wurde in Posen geboren und heiratete 1925 den Kommunisten Kurt Runge. Spätestens ab 1933 lebte sie mit ihrem Mann und ihrer 1932 geborenen Tochter Hildegard in der Junker-Jörg-Straße 16 in Karlshorst. Kurt Runge
wurde 1941 als Sanitäter an die Südfront eingezogen. Dort unterstützte er italienische Partisan:innen mit Waffen und Verbandsmaterial.
Widerstand gegen das NS-Regime
Seit 1940 arbeitete Else Runge als Angestellte in den Pertrix-Werken in Oberschöneweide und gründete dort mit ihren Kollegen Erich Popp und Hans Hoffmann eine Widerstandsgruppe. In den Pertrix-Werken wurden Batterien für die Wehrmacht hergestellt. Runge übermittelte Nachrichten an französische Kriegsgefangene, die als →Zwangsarbeiter bei Pertrix eingesetzt wurden. Durch ihre Bekannten Fritz Emrich und Richard Wenzel stand Runge in Kontakt mit der Saefkow-Jacob-Bästlein-Gruppe und beteiligte sich an der Verbreitung von deren Flugblättern. Von Ihnen erfuhr sie auch von der Gründung des Nationalkomitees Freies Deutschland. Auf Vermittlung von Emrich und Wenzel versteckte sie Anfang der 1940er Jahre trotz großer Gefahr – in ihrem Wohnhaus lebten überwiegend Nationalsozialist:innen, die sie bereits beobachteten – Franz Jacob bei sich in der Wohnung, in der sie mit ihrer Tochter Hildegard lebte. Als eine nicht eingeweihte Verwandte spontan auftauchte, versteckte Hildegard Franz Jacob schnell in einem anderen Zimmer. In ihrer Wohnung fanden auch geheime Treffen mit anderen Widerständigen statt. Die Treffen sicherte ihre kleine Tochter Hildegard ab, indem sie die Gegend beobachtete. Während ihre Kollegen aus der Widerstandsgruppe in den Pertrix-Werken im Sommer 1944 verhaftet wurden, blieben Else Runges Tätigkeiten unbekannt. Mit dem flüchtigen Fritz Emrich hielt sie den Kontakt und übermittelte ihm Informationen über die Verhaftungen der anderen. Bis Kriegsende unterstützte sie Verfolgte. Im April 1945 zog Else Runge mit ihrer Tochter innerhalb Lichtenbergs um, da Karlshorst von der sowjetischen Armee besetzt wurde.
Nach 1945
Else Runge arbeitete nach dem Krieg als Sachbearbeiterin für das Zentralkomitee der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) und war von 1958 bis 1963 Abgeordnete der Volkskammer der DDR. Sie verließ aber die Partei, weil sie mit den Entscheidungen der Parteiführung nicht einverstanden war und arbeitete ab 1961 als Sachbearbeiterin in einem Volksbetrieb zur Herstellung von Hochspannungsgeräten und Kabeln in Karlshorst. Zuletzt
lebte sie in einem kleinen Häuschen in Hönow und engagierte sich im Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD). Mit dem französischen Offizier Robert Tuloup, welcher als Kriegsgefangener bei Pertrix Zwangsarbeit leisten musste und den Else Runge damals unterstützt hatte, hielt der Kontakt auch nach Kriegsende an. Mit seiner Frau, einer ehemaligen Kollegin von Else Runge bei Pertrix, war er nach Kriegsende zurück nach Frankreich gegangen, besuchte aber die Runges mehrfach in Ost-Berlin.
Eine Erinnerung im öffentlichen Raum an Else Runge gibt es bisher nicht.
- BVVdN (Hrsg.): Widerstand in Berlin (digital)
- Ursel Hochmuth: Illegale KPD und freies Deutschland.
- Briefwechsel zwischen Ursel Hochmuth und Hildegard Baumann, geb. Runge. Nachlass von Ursel Hochmuth im Bundesarchiv
Die Biografie ist entstanden im Projekt „Widerständige Frauen gegen den Nationalsozialismus in Lichtenberg und umkämpfte Erinnerungen im öffentlichen Raum“, ein Projekt des Runden Tisches für Politische Bildung Lichtenberg, angesiedelt bei der Fach- und Netzwerkstelle Licht-Blicke in Trägerschaft der pad gGmbH in Kooperation mit Fritzi Jarmatz (Visuelle Kommunikation & Ideenräume), Trille Schünke-Bettinger (Antifaschistinnen aus Anstand & Netzwerk Frauentouren) und Straßenlärm Berlin e.V., gefördert durch das Bezirksamt Lichtenberg und die Landeskommission Berlin gegen Gewalt.