Ester „Erna“ Segal, geb. Klahr
22. Mai 1898 in Brzeźno, Polen – 15. August 1989 in Denver, USA
Gerda Segal (später verheiratete Weiß)
19. Februar 1924 in Wien – 2023/24 in Israel
Jüdinnen, Mutter und Tochter, lebten in Berlin Lichtenberg und überlebten versteckt in Berlin
Erna Segal, geb. Klahr stammte aus einer jüdischen Familie und hatte sechs Geschwister, von denen nur zwei Schwestern den Holocaust/die Shoa überlebten. 1920 heiratete sie Aaron Segal in einer Synagoge in Wien und bekam mit ihm drei Kinder: Hugo (*1921), in der Familie Herschi genannt, Gerda (*1924) und Manfred (*1927), genannt Jerry. 1927 zog sie mit ihrem Mann und ihren Kindern nach Berlin Lichtenberg in eine 5-Zimmer-Wohnung im Haus Am Stadtpark 12 nahe des Lichtenberger Stadtparks. Die Familie betrieb ein Pelzwarengeschäft und besaß drei Mietshäuser.
Leben nach der Machtübernahme
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten veränderte sich das Leben der Familie Segal sehr. Ihr Handlungsrahmen wurde wegen des steigenden Antisemitismus und der gesetzlichen wie sozialen Ausgrenzung immer weiter eingeschränkt. Die Kinder konnten zwar noch öffentliche Schulen besuchen, doch 1937 wurde der älteste Sohn Hugo von der öffentlichen Schule verwiesen, weil er gegenüber einem Lehrer entgegnete, dass nicht Jüdinnen und Juden, sondern die Nazis die Weltherrschaft anstrebten. Ihr Sohn Manfred wurde in der Schule geschlagen. Die Einnahmen der Familie brachen in den 1930ern immer mehr ein. Sie gaben ihr Pelzwarengeschäft auf, da sie die Willkür und Schikane von nationalsozialistisch und antisemitisch eingestellten Kund:innen fürchteten. Ein Mieter einer ihrer Wohnungen zahlte monatelang die Miete nicht. Als Aaron Segal ihn zur Rede stellte, schlug dieser ihn zusammen. Dies brachte Aaron Segal eine Vorladung der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) ein, die mit einer Verwarnung für ihn endete, und Hausdurchsuchungen in der familiären Wohnung. Mehrfach wurde die Wohnung der Segals von der Gestapo durchsucht. Aufgrund der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage und der gesetzlichen wie gesellschaftlichen Ausgrenzung mussten sie mehrfach in kleinere Wohnungen umziehen, zuletzt in ein „Judenhaus“/jüdischen Zwangsraum. Außerdem mussten sie seit Ende der 1930er/Anfang der 1940er Jahre Zwangsarbeit leisten. Erna Segal betätigte sich im Jüdischen Wohlfahrtsamt und unterstützte notleidende Jüd:innen. Deswegen wurde sie mehrfach von der Gestapo vorgeladen und verhört. Ende der 1930er Jahre versuchte die Familie aus Deutschland zu fliehen, doch die Überfahrt mit dem Schiff nach Chile wurde ihnen verboten. Hugo gelang Ende der 30er die Flucht nach Belgien. Von dort versuchte er, die Auswanderung in die USA per Schiff zu organisieren, was ihm jedoch nicht gelang. Im Oktober 1941 wurde Jüd:innen per Gesetz die Auswanderung verboten. Ein großer Teil ihrer Familie wurde bereits deportiert.
Flucht in den Untergrund
Erna Segal bereitete aus Angst vor ihrer Festnahme und damit drohenden Deportation ihre Flucht in den Untergrund vor, mit Unterstützung ihrer zwei Kinder, insbesondere Gerda. Ihren Mann Aaron musste sie lange überreden. Von einem Wehrmachtssoldaten auf Heimaturlaub erhielt Erna Informationen über die Ermordung von Jüdinnen und Juden in den Mordlagern in den besetzten Gebieten im Osten. Als eines Tages der Sohn Manfred von seinem Arbeitseinsatz als Zwangsarbeiter später als gewöhnlich nach Hause zurückkam, berichtete er, dass er nach seiner Verhaftung im Betrieb gerade noch von einem Lastwagen vor der drohenden Deportation fliehen konnte. Die Familienmitglieder bezogen ihre vorbereiteten Verstecke bei ihren Helfer:innen, die sie bis zum Ende des Kriegs mehrfach wechseln mussten. Sie trafen sich wöchentlich an wechselnden Orten, die sie bei jedem Treffen neu festlegten. Erna Segal und ihr Sohn Manfred versteckten sich überwiegend gemeinsam an verschiedenen Orten, Aaron Segal war allein. Gerda Segal versteckte sich zunächst bei Wanda Feuerherm, die mit ihren zwei Kindern in einer Laube in der Gartenkolonie „Dreieinigkeit“ im Lichtenberger Fennpfuhl (heute Bernhard-Bästlein-Straße) lebte. Zeitweise war auch Gerdas Mutter Erna dort versteckt. Von Wanda Feuerherm erhielten die Segals auch Lebensmittel. Erna Segal organisierte gefälschte Papiere, mit denen sie sich etwas sicherer in der Stadt bewegen konnten. 1944 erhielt die Gestapo einen Tipp und durchsuchte daraufhin die Gartenlaube, doch blieb die dann zwanzigjährige Gerda Segal unentdeckt, weil sie gerade in der Stadt unterwegs war, um Lebensmittel zu besorgen. Wie sich kurz nach Kriegsende herausstellte, gab Wanda Feuerherms Ehemann der Gestapo den Hinweis auf das Versteck in der Gartenlaube, woraufhin sie sich umgehend scheiden ließ. Bis Kriegsende versteckten sich Erna und Gerda Segal an verschiedenen Orten in Berlin. Beide überlebten die NS-Zeit, genauso wie Manfred und Aaron Segal. Der dritte Sohn Hugo wurde 1942 im Alter von 21 Jahren in Auschwitz ermordet. Erna und Aaron stellten nach dem Krieg eine Liste aller näheren Verwandten auf, die in der Shoa ermordet wurden. Die Liste zählte 80 Namen.
Nach 1945
Nach dem Krieg versuchte die Familie, wieder in Berlin Fuß zu fassen und wohnte für eine Zeit in Lichtenberg an der Parkaue 35. Dort betrieben Gerda und Erna Segal einen Handel mit Damenoberbekleidung. 1949 wanderten sie aber in die USA aus. Erna Segal engagierte sich ab 1956 als Zeitzeugin und verfasste einen 300-seitigen Bericht über ihre Tätigkeiten und Erfahrungen im Nationalsozialismus. Erna Segal starb im Alter von 91 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs im Beisein einer ihrer Enkelinnen. Gerda Segal heiratete 1975 und bekam drei Kinder. Später übersiedelte sie nach Israel. Auf ihre Initiative wurden Wanda Feuerherm und ihre Tochter Vera von der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. Gerda Segal starb im Alter von fast 100 Jahren in Israel.
Im Frühjahr 2026 werden Stolpersteine für die Familie Segal vor ihrem letzten freigewählten Wohnort in Lichtenberg verlegt. In der Bernhard-Bästlein-Straße 22 (dort befand sich die Gartenkolonie „Dreieinigkeit“) erinnert eine Gedenktafel an Hans Rosenthal, der dort ebenfalls versteckt wurde, und die drei Helferinnen Ida Jauch, Maria Schönebeck und Emma Harndt.
- Bericht von Erna Segal, Collection Erna Segal, Leo Baeck Institute Archives New York (LBI NY), ME 594, 1. und 2. Teil
- Kulturring Berlin: Erna Segal
- Beate Kosmala: Stille Helden. In: Bundeszentrale für politische Bildung: Dossier Nationalsozialismus.
- Carmen Schucker: Jüdisches Leben unter Nationalsozialisten: Untergetaucht in Berlin: Wir waren Freiwild.
Die Biografie ist entstanden im Projekt „Widerständige Frauen gegen den Nationalsozialismus in Lichtenberg und umkämpfte Erinnerungen im öffentlichen Raum“, ein Projekt des Runden Tisches für Politische Bildung Lichtenberg, angesiedelt bei der Fach- und Netzwerkstelle Licht-Blicke in Trägerschaft der pad gGmbH in Kooperation mit Fritzi Jarmatz (Visuelle Kommunikation & Ideenräume), Trille Schünke-Bettinger (Antifaschistinnen aus Anstand & Netzwerk Frauentouren) und Straßenlärm Berlin e.V., gefördert durch das Bezirksamt Lichtenberg und die Landeskommission Berlin gegen Gewalt.