Luise "Minna" Kaufmann, geb. Schmidt
6. Juli 1894 in Delitz/Merseburg – 24. Oktober 1983 in Berlin-Weißensee
Näherin, Sozialdemokratin, Aktivistin der sozialdemokratischen Frauenbewegung
ber Minna Kaufmanns Kindheit und Jugend ist wenig bekannt. Ihr Vater
Gustav, von Beruf Kutscher und Landarbeiter, diente während des Ersten
Weltkrieges als Soldat. Über den Beruf ihrer Mutter Luise ist bisher nichts
bekannt. Minna kam als Sechzehnjährige von Delitz/Merseburg nach Berlin
und arbeitete als Dienstmädchen. Später gab sie als Beruf „Hausfrau“ an.
Nach der Machtübernahme arbeitete sie als Näherin von Blusen in Heim-
arbeit, um zum Familieneinkommen beizutragen.
Mit 17 Jahren begann sie, sich politisch in der SPD (Sozialdemokra-
tische Partei Deutschlands) zu betätigen. Sie engagierte sich auch in der
Kinderfreundebewegung der SPD und bis 1933 in der sozialdemokra-
tischen Frauenbewegung.
Bis 1934 lebte sie mit ihrem Mann Georg, mit dem sie seit 1916 ver-
heiratet war, ihrer Tochter Gertrud (Lebensdaten unbekannt) und ihrem
Sohn Hans (1926–2000) in Berlin Britz. Dann zogen die Kaufmanns nach
Hohenschönhausen in die Strausberger Str. 12f, weil sie in ihrer Nachbar-
schaft in Britz als sozialdemokratische Familie zu bekannt gewesen waren.
Bereits 1932 drohte ihnen dort eine Nachbarin mit gewaltvoller Vergeltung,
sollten die Nazis an die Macht kommen. Ihren Kindern ermöglichte sie
das Erlernen von Instrumenten. Ihr Sohn Hans spielte Flöte, ihre Tochter
Gertrud Gitarre und Cello.
Widerstand gegen das NS-Regime
Minna Kaufmann betätigte sich im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, indem sie Kontakte zu früheren sozialdemokratischen Parteifreund:innen hielt und Kontakte zu anderen Widerständigen knüpfte. Seit Mitte der 1930er Jahre gehörte sie zu einer Widerstandsgruppe in ihrem Wohngebiet um das Ehepaar Fritz und Margarete Rossignol, zu der weitere Nachbarsehepaare gehörten, darunter Edi und Grete Kallista, Emil und Margarete Freitag sowie Richard und Sophie Stier. Der Kontakt zwischen den Paaren entstand vermutlich über die Frauen, die fast alle in Heimarbeit tätig waren.
Seit 1942 betätigte sie sich zusätzlich in der Widerstandsgruppe Mannhart um das Reinickendorfer Ärztepaar Max und Maria Klesse, die bis 1933 wie Minna Kaufmann der SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands) angehört hatten. Die Flugblätter der Mannhart-Gruppe verbreiteten Minna Kaufmann und ihr Mann in ihrem Wohngebiet und schickten sie an Wehrmachtsoldaten an die Ostfront.
1939 organisierte sie eine sozialistische Jugendweihe für ihren Sohn Hans, was im Nationalsozialismus verboten war. Seit vermutlich 1943 hatte ihre Widerstandsgruppe Verbindungen zur → Saefkow-Jacob-Bästlein-Gruppe. Bis Kriegsende unterstützte Minna Kaufmann vom NS-Regime Verfolgte.
Nach 1945
1946 trat Minna Kaufmann in die SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) ein. Später engagierte sie sich im → Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD) als Funktionärin. Ihr Sohn Hans kehrte 1947 aus französischer Kriegsgefangenschaft zurück und wurde später Literaturwissenschaftler. Bis ins hohe Alter las Minna Kaufmann seine Werke Korrektur. 1967 erschien in der DDR ein Dokumentarfilm über sie und ihrem Ehemann mit dem Titel „Goldene Hochzeit“ des Regisseurs Heinz Müller. Minna Kaufmann starb am 24. Oktober 1983 im Alter von 89 Jahren in Ost-Berlin.
Bestattet ist sie auf dem städtischen Friedhof in Weißensee, Roelckestraße.
Berichte über Minna Kaufmann
Die Genossen Georg und Minna Kaufmann hielten während der Zeit des Faschismus viele politische Verbindungen aufrecht. (…) In den Jahren 1938/39 begannen wir einander in unseren Wohnungen zu besuchen. Die Selbstverständigung innerhalb der Gruppe erfolgte zum einen durch die Erörterung neuer Informationen, die wir von zentralen Stellen und später auch über ausländische Rundfunksprecher erhielten und zum anderen durch Einschätzung politischer Begebenheiten im Wohngebiet. Die Nachrichten wurden an die Bewohner fast ausschließlich in persönlichen Gesprächen weitergegeben. Wir pflegten neben den politischen auch freundschaftliche und kulturelle Kontakte. Zu den gemeinsamen Zusammenkünften gehörten literarische Abende und Musikabende mit Klampfe und Blockflöte.
Aus: Fritz Rosssignol: Unsere Arbeit im Wohnbereich der Strausberger Straße 12 a-k in Hohenschönhausen. In: der illegale Kampf der KPD 1933-1945 in Berlin-Weißensee. Hrsg. vom Komitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR Berlin-Weißensee.
Ich war sechs Jahre alt, als 1932 unsere Nachbarin – ihr Mann war bei der SA – über den Gartenzaun herüberschimpfte, man würde schon mit unseren Eltern abrechnen, wenn der Tag käme. Der Tag kam bekanntlich, wir flohen aus unserer Wohnung in Britz, kamen nach Weißensee und Hohenschönhausen. Mutter und Vater betätigten sich antifaschistisch; wir lernten, öffentlich zu schweigen über das, was zu Hause gesprochen wurde. Es kam endlich zu Kontakten, zu Freundschaften zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten (…). Private Zusammenkünfte nahmen den Charakter illegaler Veranstaltungen an.
Aus der Grabrede ihres Sohnes Hans Kaufmann (Zit. nach: Hans Kaufmann: Worte des Gedenkens an Minna Kaufmann – Grabrede ihres Sohnes Hans Kaufmann. In: Komitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer Weißensee (Hrsg.): Antifaschistischer Widerstand in Berlin-Weißensee 1933-1945. Erinnerungen – Berichte – Erfahrungen. Berlin 1988. S. 107-110
- BVVdN (Hrsg.): Widerstand in Berlin (digital)
- Fritz Rosssignol: Unsere Arbeit im Wohnbereich der Strausberger Straße 12 a-k in Hohenschönhausen. In: der illegale Kampf der KPD 1933-1945 in Berlin-Weißensee. Hrsg. vom Komitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR Berlin-Weißensee.
- Komitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer Weißensee (Hrsg.): Antifaschistischer Widerstand in Berlin-Weißensee 1933-1945. Erinnerungen – Berichte – Erfahrungen. Berlin 1988. S. 60-65 und S. 111/112.
- Illustration: Fritzi Jarmatz
Die Biografie ist entstanden im Projekt „Widerständige Frauen gegen den Nationalsozialismus in Lichtenberg und umkämpfte Erinnerungen im öffentlichen Raum“, ein Projekt des Runden Tisches für Politische Bildung Lichtenberg, angesiedelt bei der Fach- und Netzwerkstelle Licht-Blicke in Trägerschaft der pad gGmbH in Kooperation mit Fritzi Jarmatz (Visuelle Kommunikation & Ideenräume), Trille Schünke-Bettinger (Antifaschistinnen aus Anstand & Netzwerk Frauentouren) und Straßenlärm Berlin e.V., gefördert durch das Bezirksamt Lichtenberg und die Landeskommission Berlin gegen Gewalt.